Schwammstadtprinzip in den neuen Baugebieten des BA15


Antrag

1. Die Stadt München wird gebeten zu prüfen, ob in den neuen Baugebieten des Stadtbezirks 15 das Schwammstadtprinzip umgesetzt werden kann. Begonnen werden sollte damit bei der Arrondierung Kirchtrudering/5. Bauabschnitt Messestadt.

Dadurch soll das Regenwasser auch im städtischen Raum möglichst an dem Ort, wo es anfällt, mit Priorität 1: verdunsten und dadurch das Stadtklima befeuchten und kühlen, mit Priorität 2: versickern und die Vegetation vor Vertrocknung in regenarmen Zeiten schützen, und erst mit Priorität 3 das städtische Kanalsystem belasten.

Für Baumpflanzungen gibt es hierzu verschiedene technische Lösungen. Zwei Möglichkeiten sind in der Anlage zur Verdeutlichung beispielhaft aufgeführt. Über die Art der Baumpflanzung hinaus setzt sich das Schwammstadtprinzip aus weiteren Elementen zusammen. Hier geht es um das Anlegen von grünen, tiefgründigen Zonen (Rigolen), in die das Wasser von der Straße – insbesondere bei Starkregenereignissen – eingeleitet werden und versickern kann. Diese Zonen können schön bepflanzt werden. Gründächer, Grünflächen und eine möglichst versiegelungsarme Gestaltung im gesamten Siedlungsgebiet sind weitere wesentliche Elemente der Schwammstadt.

Hier geht es zur Anlage:

2. Regenwassermanagement

Nach unserem Kenntnisstand sorgt die Münchner Stadtentwässerung (MSE) als zentraler Dienstleister für eine funktionierende Kanalisation inklusive Regenwassermanagement in München. Wir bitten um Auskunft, wie hierzu der Austausch und die Zusammenarbeit innerhalb der Stadtverwaltung abläuft:

  • Gibt es im Planungsprozess neuer Siedlungsmaßnahmen eine enge und abgestimmte Zusammenarbeit des Planungsreferat mit der MSE und dem neuen Referat für Klimaschutz und Umwelt (RKU) – vor allem unter dem Blickwinkel der Prävention?
  • Gibt es diesbezüglich bereits konkrete Überlegungen bzw. Pilotprojekte?  
  • Falls dies nicht der Fall ist, bitten wir um Einschätzung über die Notwendigkeit präventiver Planungsprozesse von Seiten der MSE, Planungsreferat und des RKU.


3. Wettbewerbe

Die Möglichkeit der Verwirklichung des Schwammstadtprinzips soll auch bereits in alle künftigen Wettbewerbe im Stadtbezirk einbezogen werden, auch in den aktuell geplanten Wettbewerb zur Arrondierung Kirchtrudering/5. Bauabschnitt Messestadt. Eine entsprechende Fachberatung des Preisgerichts sollte gewährleitet werden.


Begründung

Der Klimawandel bringt neue Regenmuster mit sich. In München sind dies zum einen trockenere Frühlingsmonate, aber es sind auch Starkregenereignisse. Die trockenen Frühlingsmonate in vergangenen Jahren haben teilweise bereits zur Entlaubung von Bäumen in den Sommermonaten geführt. Gleichzeitig zeigt die Stadtklimakarte[i], dass Gebiete im Stadtbezirk 15 – allen voran die Messestadt – ähnlich hohe Temperaturen wie die Innenstadtbereiche aufweisen (Temperaturen ansteigend von gelb, orange lila, rot, je röter, desto wärmer):

Mit Bäumen und Fassadenbegrünungen, die mit ausreichend Wasser versorgt sind, lässt sich der Hitze entgegenwirken. Es ist zu erwarten, dass die Temperaturen in den kommenden Jahren weiter steigen werden. Dies bringt sehr ernstzunehmende Belastungen für Natur und Mensch mit sich. Insbesondere ältere Menschen leiden besonders unter Hitzeepisoden. In den heißen Sommern der letzten 20 Jahre, z. B. 2003, 2006, 2015 war eine Übersterblichkeit zu beobachten[ii] wie derzeit auch während der aktuellen Hitzeperiode in Kanada.

Die Pflanzung von Bäumen und deren Versorgung mit ausreichend Wasser ist wohl die wichtigste Möglichkeit, das Stadtklima hitzesenkend zu beeinflussen. Die ausreichende Versorgung mit Wasser kann durch die Umsetzung des Schwammstadtprinzips geschehen.

Gleichzeitig ist das Schwammstadtprinzip eine wichtige Vorsorgemaßnahme, um einer Überlastung des städtischen Kanalsystems bei zunehmender Bautätigkeit und gleichzeitig zunehmenden Starkregenereignissen vorzubeugen.

Das Thema hat neben Klima-, Gesundheits- und Katastrophenschutzaspekten auch einen wichtigen sozialen Bezug. Mensch mit gutem Einkommen haben eher die Möglichkeit, sich der Stadthitze im Sommer zu entziehen, indem sie sich am Meer, in den Bergen, im eigenen Garten oder an anderen angenehmen Orten aufhalten. Je knapper die finanziellen Ressourcen, desto weniger Ausweichmöglichkeiten bestehen. Auch – und vielleicht sogar besonders – aufgrund dieses sozialen Aspekts muss es München ein Anliegen sein, auch bei höheren Temperaturen angenehme öffentliche Räume aufweisen zu können.

Wir müssen jetzt dafür Sorge tragen, dass unser Stadtbezirk lebenswert bleibt. Wir dürfen nicht länger warten. Dies darf auch nicht an einer Kostenfrage scheitern, denn im Hinblick auf den künftigen Nutzen wird sich diese Investition sicherlich vielfach rechnen wie einschlägige Jahres-Dokumentationen der Versicherungswirtschaft – insbesondere des Rückversicherers Münchner Rückversicherung – seit Jahrzehnten nachweisen[iii].

Zudem müssen wir als Stadtgesellschaft beginnen, Erfahrungen mit dem Schwammstadt-prinzip zu sammeln. Die neuen Baugebiete bieten sich dafür besonders an, da hier die Realisierung einfacher ist als in den Innenstadtgebieten, in der diese Prinzipien selbstverständlich ebenfalls eingesetzt werden sollten. Uns ist dabei bewusst, dass eine funktionierende und geruchsfreie Kanalisation auch in den neuen Siedlungsgebieten eine wichtige Komponente des Regenwassermanagements sein muss.


[i]https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Referat-fuer-Gesundheit-und-Umwelt/Stadtklima/Stadtklimaanalyse.
Eine studentische Masterarbeit hat bei der Messung eines heißen Sommertages 2019 beobachtet: „Aufgrund der gewählten Extremsituation ist der Aufenthalt im Außenraum der Messestadt Riem um 14 Uhr zum großen Teil mit Hitzestress verbunden [..]. Kühlere Orte befinden sich nur im Schatten von Gebäuden oder Bäumen […]. Größerer Asphaltflächen wie der Willi-Brandt-Platz sind besonders unangenehm, während Baumpflanzungen entlang von Wegen und in den Wohngebieten für angenehmere Aufenthaltsbereiche sorgen.

Kerstin Burkhart, Analyse des objektiven thermischen Komforts im urbanen Außenraum unter Einbeziehung der subjektiven thermischen Wahrnehmung, Lehrstuhl: Strategie und Management der Landschaftsentwicklung, TUM, eingereicht am 08.06.2020

[ii] https://www.aerzteblatt.de/archiv/209155/Uebersterblichkeit-bei-Hitzewellen-in-Deutschland-Zahl-der-hitzebedingten-Todesfaelle-zwischen-einigen-Hundert-und-vielen-Tausenden

[iii] z. B.: Edition Wissen – Wetterkatastrophen und Klimawandel. Sind wir noch zu retten? Münchner Rück, 2004.                                   

Unser Antrag im RIS wird nachgetragen sobald vorhanden.